Muscimol ist der Stoff, der die Wirkung des Fliegenpilzes ausmacht — und er entsteht erst aus einem zweiten Molekül, der Ibotensäure. Die beiden greifen an entgegengesetzten Systemen im Gehirn an, und genau daraus erklärt sich, warum die Wirkung des Pilzes so schwer kalkulierbar ist. Dieser Beitrag erklärt, was Muscimol chemisch ist, woher es kommt und in welchem Verhältnis es zur Ibotensäure steht.
Ibotensäure – der Ausgangsstoff
Ibotensäure (chemisch: α-Amino-3-hydroxy-5-isoxazolessigsäure) ist eine strukturelle Analogie zu Glutaminsäure, dem wichtigsten erregenden Neurotransmitter des Gehirns. Sie wirkt als Agonist an NMDA-Glutamatrezeptoren – also genau umgekehrt zu Muscimol. Ibotensäure regt das Nervensystem an, was Übelkeit, Erbrechen und bei höheren Dosen neurotoxische Effekte erklären kann.
Im frischen Fliegenpilz überwiegt die Ibotensäure. Das ist der Hauptgrund, warum der Rohverzehr besonders unangenehm und riskant ist.
Muscimol – der eigentliche Wirkstoff
Muscimol entsteht aus Ibotensäure durch Decarboxylierung – eine chemische Reaktion, die beim Trocknen oder Erhitzen des Pilzes abläuft. Muscimol ist ein potenter GABA-A-Rezeptor-Agonist: Es ahmt den Hemmstoff GABA nach und dämpft die Aktivität des zentralen Nervensystems.
- Muscimol ist der pharmakologisch deutlich wirksamere der beiden Stoffe — gesicherte Vergleichszahlen gibt es allerdings nicht
- Es gelangt über ein aktives Transportsystem ins Gehirn und überwindet die Blut-Hirn-Schranke leicht — anders als der körpereigene Botenstoff GABA
- Es wirkt sedierend, anxiolytisch und schlaffördernd
- In höheren Dosen: Halluzinationen, Traumzustände, Dissoziation
Die Umwandlung: Trocknen als Schlüsselprozess
Die Decarboxylierung von Ibotensäure zu Muscimol setzt bereits bei Raumtemperatur ein und wird durch Hitze beschleunigt. Sie läuft allerdings nicht vollständig ab: Messungen zeigen, dass der Muscimol-Anteil beim Trocknen steigt und der Ibotensäure-Anteil sinkt, die Umwandlung aber unvollständig bleibt und stark mit Temperatur und Bedingungen schwankt. Auch gut getrocknetes Material enthält weiterhin Ibotensäure. Ein Teil der Umwandlung findet zudem erst im Körper statt. Die verbreitete Vorstellung, Trocknen mache den Pilz „berechenbar“, trifft deshalb nicht zu — mehr dazu unter Fliegenpilz trocknen.
Warum Muscimol kein Psychedelikum ist
Muscimol wirkt grundlegend anders als Psilocybin oder LSD: Diese greifen am Serotonin-Rezeptor 5-HT2A an, Muscimol dagegen am hemmenden GABA-A-System. Deshalb wird der Fliegenpilz fachlich nicht zu den klassischen Psychedelika gezählt. Was das für die verbreitete Einordnung als „Droge“ bedeutet, steht ausführlich in Fliegenpilz als Droge; was im Gehirn konkret passiert, erklärt Muscimol-Wirkung erklärt.
Quellen
- Rivera-Illanes D., Recabarren-Gajardo G.: Classics in Chemical Neuroscience: Muscimol. ACS Chemical Neuroscience 15(18), 2024, S. 3257–3269.
- Tsunoda K., Inoue N., Aoyagi Y., Sugahara T.: Change in Ibotenic Acid and Muscimol Contents in Amanita muscaria during Drying, Storing or Cooking. Food Hygiene and Safety Science 34(2), 1993.
- Katragunta K., Avula B., Chittiboyina A. G. et al.: Quantitative LC-QToF-MS Analysis of Mycochemicals in Amanita muscaria, Psilocybe spp. and Consumer Products. International Journal of Medicinal Mushrooms 27(1), 2025, S. 29–39.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Fliegenpilzgift: Gesundheitliche Risiken muscimolhaltiger „Fruchtgummis“. Mitteilung 021/2025 vom 27.06.2025.
- Ordak M.: Amanita muscaria in the evolving novel psychoactive substances landscape — toxicological risks and clinical implications: a narrative review. Frontiers in Pharmacology 17, 2026.
